Montag, 19. Februar 2018

Auch der letzte Lebensabschnitt hat noch schöne Stunden






 Auch der letzte Lebensabschnitt hat noch schöne Stunden


"Hast du meine Brille gesehen?", fragte Elli ihren Mann. Der grinste. "Du hast sie auf der Nase, liebe Elli!"
Elli grinste auch. "War ein Test!", sagte sie. "Ich wollte nur mal sehen, ob du mich ab und zu mal anschaust!"
"Das kann ja jeder sagen," schmunzelte Karl und betrachtete seine Frau liebevoll.
Wie gut sie noch immer aussah mit ihren sechzig Jahren.
Wenn er zurückdachte an seine Mutter, die ihm mit Fünfzig schon wie eine alte Frau vorgekommen war, kam er ins Grübeln. Er und Elli hatten ein wunderschönes Leben. Seine Mutter hingegen hatte ihr Leben lang nur gearbeitet, da sie ihn allein, ohne Vater, großgezogen hatte. War es ein Wunder, wenn sie dadurch schneller gealtert war? 
Sicher, allein schon die technischen Hilfen die heute Frauen zur Verfügung standen. Er konnte sich noch erinnern wie schwer allein der Waschtag für seine Mutter war. In großen Pötten die Wäsche kochen, dann herausziehen und in einem Waschbottisch immer wieder spülen.
Und heute warf man die dreckige Wäsche nur in die Maschine  und diese machte alles allein, man muss sie nur noch heraus holen und aufhängen oder gar in den Trockner werfen.
"Ach Elli, wir haben es doch gut, nicht wahr?", seufzte Karl und nahm ihre Hand. 
"Ja, Karl, das haben wir. Ich kann mich nicht beklagen!" Elli lächelte. Sie hatten wirklich ein gutes Leben.  Große Sprünge konnten sie sich nicht erlauben, aber sie hatten ihr Auskommen und das Wichtigste war: Sie liebten sich!
Und doch gab es etwas, das Elli unzufrieden machte. Seit die Kinder aus dem Haus waren fühlte sie sich gelegentlich unterfordert und es langweilte sie, dass die Tage sich glichen wie eineiige Zwillinge. Karl war seit ein paar Monaten als Rentner zu Hause und eigentlich war er immer da und wollte alles mit ihr zusammen machen. Das konnte schön sein, aber es engte sie auch ein in gewisser Weise. 
Früher hatte sie ihren eigenen Rhythmus im Tagesablauf, nun wuselte ihr Mann dauernd um sie herum. Obwohl sie ihn sehr liebte, störte es sie doch manchmal.
Irgendetwas musste sich ändern.
"Was hältst du davon, wenn wir beide einmal ein paar Tage verreisen?", fragte Elli. Karl schaute sie verwundert an.
"Du bist doch diejenige, die eigentlich ihr Zuhause nicht verlassen möchte, oder habe ich mich all die Jahre getäuscht?" 
"Das schon, aber wir beide stehen doch nun vor einem neuen Lebensabschnitt. Den sollten wir mit einer schönen Reise beginnen.
Mal abschalten und darüber nachdenken wie wir unser gemeinsames neues Leben gestalten wollen."
"Hm, eigentlich keine schlechte Idee."
"Dann streichen wir das Wort "eigentlich" mal aus unserem Vokabular und gehen die Sache gemeinsam an. Wohin sollen wir fahren?", lachte Elli. Sie stand auf und holte eine Zeitschrift aus dem Regal.
"Schau mal hier. Die bieten eine Reise für Senioren an, ganz billig, ein Wochenende in Konstanz, mit Besuch auf der Insel Mainau. Wäre das was für uns?" 
Karl studierte das Angebot, grinste und gab seiner Frau einen Kuss.
"Du bist die Beste! Weißt du ich war traurig als die Rente immer näher rückt, hatte Angst vor dem Leben nach dem Beruf. Aber nun zeigst du mir, dass es auch eine Chance ist, um all das nachzuholen, was man eingebunden in den Alltag nie machen konnte."
Elli sah ihn liebevoll an. "Verreist sind wir doch selten, anfangs fehlte es an Geld, dann kamen die Kinder und je mehr du in deinem Job aufstiegst, umso weniger Zeit hattest du und wolltest nur noch deine Ruhe."
"Es war ja auch anstrengend!", verteidigte sich Karl. "Doch, das ist ja nun Schnee von gestern. Lass uns nach vorn blicken!", schlug er vor.
Bereits eine Stunde später hatten die beiden die Reise gebucht und es begann die Zeit der Vorfreude. 
Einige Tage später dann warteten sie am Busbahnhof. 
Der Platz füllte sich mit immer mehr  Menschen in ihrem Alter.
Elli stieß Karl in die Seite.
"Sind das nicht Herr und Frau Baumgartner aus unserer Straße?"
Das Ehepaar hatte sie nun entdeckt und kam freudestrahlend auf sie zu.
"Wie schön bekannte Gesichter zu sehen."
Der Bus fuhr ein und zischend öffnete sich die Tür. Der Fahrer sprang heraus und begann das Gepäck zu verstauen.
Wenig später saßen alle im Bus. 
Das Ehepaar Baumgartner ergatterte einen Platz gegenüber von Elli und ihrem Mann.
"Wir haben uns ziemlich kurzfristig entschlossen, mitzufahren, denn nun da Peter im Ruhstand ist, haben wir uns vorgenommen öfter zu verreisen," erklärte Frau Baumgartner.
Elli nickte verstehend.
"Wir auch. Endlich mal Zeit für uns."
In Koblenz folgten sie wie Lemminge der Reiseleiterin ins Hotel. Bald hatten alle ihre Zimmer bezogen. 
Zum Abendessen traf sich die Reisegesellschaft im Speisesaal,bald 
hatten sich Gruppen gebildet und es war selbstverständlich, dass Baumgartners mit Elli und Karl zusammen an einem Tisch saßen.
Später bei einem Gläschen Wein tranken sie Brüderschaft.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging es zum Landesteg.
Die Reiseleitern flatterte aufgeregt  um sie herum und drückte jedem die Fahrkarte in die Hand.
"Sie umkreist uns wie der Hütehund die Herde," kicherte Elli.
Linda, Peter und Karl grinsten.
Die Fahrt über den Bodensee war wunderschön und viel zu schnell vorbei.
Am Landesteg stand die Reiseleiterin und drückte jedem die Eintrittskarte in die Hand teilte ihnen mit, dass die Rückfahrt um achtzehn Uhr sei und sich die Gruppe hier am Landungsteg pünktlich einzufinden hätte.
Elli kam es vor als würde sie das Paradies betreten. Eine Vielfalt von Blumen in allen Farben breitet sich vor ihnen aus.
Mitten auf dem Rasen stand ein großer wunderschöner Pfau ganz aus Blumen geformt. 
Es gab noch mehr Kunstwerke, drei Entchen schwammen im Kreis in einem See aus Blumen. Ein Zwerg sah beschaulich in die Gegend und aus einem alten Auto wuchsen aus Motorhaube, Kofferraum und Fenstern grüne Pflanzen.
Die Männer witzelten, dass sie künftig ihr Auto nicht mehr verschrotten, sondern es in den Garten stellen und bepflanzen.
Sie schlenderten nun über die Insel, atmeten tief den Duft der Rosen, die es in 1000 Formen gab, ein. Daneben gab es Zitrusfrüchte und Dalien und auch alle Arten von Kakteen konnte man begutachten.
Die beiden Frauen zückten immer wieder die Fotoapparate und stießen bewundernde, begeisterte Rufe aus.
Die Männer aber begannen zu maulen, die Füße taten ihnen weh und sie hatten Hunger.
Also suchten sie eins der vielen Cafes auf.
Nach einem leckeren Essen, einem gemütlichen Glas Bier für die Herren und einer Tasse Kaffee für die Damen schlenderten die vier wieder über die wunderschöne Insel.
Es gab ja noch soviel zu sehen. Das Schmetterlingshaus gefiel auch den Herren, die der vielen Blumen doch leicht überdrüssig waren.
Bald war es Zeit zum Landesteg aufzubrechen und als sie mit dem Schiff über den Bodensee zurück nach Konstanz fuhren, waren sie sich einig einen  schönen Tag erlebt zu haben.
Später auf der Terrasse ihres Hotels bei einem Glas Wein gelobten sie sich, ihre Freundschaft auch weiterhin zu pflegen und gemeinsam kleine Reisen miteinander zu unternehmen.
Versonnen ließ Elli den Blick über den Bodensee schweifen und dachte:
'Auch der letzte Lebensabschnitt hielt noch schöne Stunden bereit.'

(c)  Regina Meier zu Verl   -  Lore Platz





Mittwoch, 10. Januar 2018

Die Geschichte von Willibald Kohlenknopf





Die Geschichte von Willibald Kohlenknopf



Der Schneemann Willibald Kohlenknopf stand im Vorgarten und ärgerte sich. Als die Kinder ihn gebaut hatten, war es ein großes Hallo gewesen, nun aber stand er schon seit drei Tagen da und niemand beachtete ihn mehr. Langweilig war das, auch die Menschen, die noch fröhlich rufend vorbeigingen, als sie ihn sahen, warfen nun keinen Blick mehr auf ihn.

Als wäre er überhaupt nicht mehr da, als wäre er Luft. Dabei war er doch ein besonders stattlicher Schneemann, wie es keinen in der ganzen Straße gab.

Sehnsüchtig schaute Willibald gen Himmel. Er wünschte sich Schneeflocken herbei, denn dann wäre es möglich, dass die Kinder ihm einen Gefährten bauen würden. Ach, das wäre so schön. Es ist traurig, wenn man immer allein ist, sehr traurig. 

Langsam senkte sich die Dämmerung über das Land und es wurde immer dunkler. Der Mond stand als gelbe runde Scheibe am Himmel und viele Sterne funkelten. Willibald Kohlenknopf erblickte einen goldenen Schweif, der auf die Erde zu fallen schien.

Eine Sternschnuppe! 

Er hatte die Kinder darüber sprechen hören, dass Wünsche in Erfüllung gingen, wenn man eine Sternschnuppe sah und schnell wünschte er sich Schnee und eine Gefährtin.

Dann schlief er ein.

Als er am Morgen die Augen öffnete, staunte er. Über Nacht war Schnee gefallen und hatte die Welt um ihn herum in ein weißes weiches Tuch gehüllt; noch immer kamen große Flocken vom Himmel. 

„Willibald, du bist ein Glückspilzschneemann!", rief er voller Freude. Er musste auch gar nicht lange warten, da stürmten Micha und Lisa aus dem Haus.

„So ein Glück!", rief Lisa. Mit beiden Händen griff sie in den Schnee und warf ihn in die Höhe. „Komm, Micha, wir bauen dem Herrn Kohlenknopf eine Frau!"

Sofort fingen sie damit an. Sie rollten dicke Kugeln und setzten sie aufeinander. Ihre Wangen waren vor Anstrengung und Freude gerötet. Willibald ließ die beiden nicht aus den Augen. Was für ein Tag, schöner hätte es nicht sein können. 

Langsam entstand neben ihm eine prachtvolle Gestalt. Willibald wurde leicht rot, als Micha grinsend zwei Schneebälle auf die Brust der Schneefrau knallte.

„Hihi, sie hat einen Busen, so wie Mama!", rief Lisa begeistert. „Warte, ich hole eine von meinen gebastelten Ketten und vielleicht hat Mama einen schönen Hut übrig. Wir könnten einen aus der Verkleidungskiste nehmen!"

Willibald konnte sich nicht sattsehen an seiner Gefährtin, noch war sie nicht ganz fertig, aber dafür würden die Kinder schon sorgen. 

Wie staunte er, als er wenig später hinüber linste und die Schneefrau geschmückt mit einer Kette erblickte. Auf dem Kopf trug sie einen großen Hut mit Federn. Sie sah so wunderschön aus, dass sein Herz heftig zu klopfen begann. 

Doch leider beachtete sie ihn gar nicht.

Erst als die Kinder am Nachmittag ins Haus gingen, riskierte die Schneefrau einen Blick und betrachtete schüchtern ihren Nebenmann. 

"Hallo!", hauchte sie. "Ich bin Wilhelmine. Und wer bist du?"

Willibald musste lachen. Das passte ja gut, Willibald und Wilhelmine, wenn das nicht super war!

"Gestatten, Willibald, Willibald Kohlenknopf!", sagte er und versuchte eine leichte Verbeugung. Nur ganz vorsichtig, denn er war nicht sicher, ob sein Kopf fest genug auf dem Rumpf saß.

Wilhelmine versuchte zu knicksen, doch auch sie befürchtete einen Riss in ihrem wohlgeformten Bauch zu hinterlassen.

Beide mussten lachen über ihr vergeblichen Bemühungen.

"Weißt du, dass ich mir gestern Abend, als eine Sternschnuppe vom Himmel fiel, eine Gefährtin wünschte?"

"Und nun stehe ich hier neben dir."

"Ja und bist noch schöner, als ich es mir in meinem Träumen vorstellte."

"Schmeichler!"

Willibald wurde verlegen, obwohl er doch die Wahrheit gesagt hatte. Wilhelmine war wirklich wunderschön und es wurde ihm ganz warm ums Herz. 

Zwei ganze Wochen hatten die beiden miteinander, dann kam die Sonne und sie schmolzen langsam vor sich hin. Die Kinder waren traurig, aber die beiden, Willibald und Wilhelmine, waren glücklich bis zu ihrem letzten Tag!



© Regina Meier zu Verl & Lore Platz






Donnerstag, 14. Dezember 2017

Florian und die verzauberte Gans Gisela



Florian und die verzauberte Gans Gisela



Florian liebt seinen Adventskalender. Wie gut, dass noch einige Türchen zu öffnen sind, denn jeden Tag findet sich eine andere Überraschung in den Säckchen, die Oma extra dafür genäht hat. Heute ist ein Gutschein drin. 'Mit Oma und Opa den Weihnachtsmarkt besuchen', steht drauf.

Florian freut sich. Er liebt den Weihnachtsmarkt. Es duftet so schön und es gibt so viel zu sehen. Wunderschöne Krippen und Figuren, niedliche Engel und vor allem geschnitzte Tiere, die gefallen ihm am besten. Später wenn sie genug gesehen haben würden, gäbe es sicher wieder eine Bratwurst und wenn die Oma nicht hinsähe, durfte er vielleicht einen Schluck von dem Glühwein probieren.

Aber zuerst will Florian einen Termin mit Oma und Opa machen. Er ruft die beiden an.

„Hallo Oma, hier ist der Flori!", sagt er und kichert. „Nun rate mal, was ich heute in meinem Adventskalender gefunden habe!" 

„Weiß ich nicht?", stellt sich die Oma ahnungslos.

„Ich darf mit euch auf den Weihnachtsmarkt!"

„Na sowas, und wann soll das denn sein?"

„Deshalb rufe ich doch an!"

„Was hältst du davon, wenn wir heute Abend gehen?", fragt Oma und Florian ruft begeistert. „Oh ja, das ist prima. Holt ihr mich ab?"

Klar holen Oma und Opa ihren Enkel ab. Dick eingepackt in seinen neuen Anorak, mit Mütze auf den Ohren und warmen Handschuhen geht es los. Schon von Weitem hören sie die weihnachtliche Musik und das Stimmengewirr auf dem Marktplatz. Je näher sie kommen, desto köstlicher riecht es. Florian läuft das Wasser im Mund zusammen.

Staunend sieht er sich um. Er hat ganz vergessen wie herrlich es auf dem Weihnachtsmarkt ist. Außerdem ist er ja wieder ein Jahr älter und sieht alles mit anderen Augen.

Der Opa bleibt bei einem Stand mit geschnitzten Krippenfiguren stehen und unterhält sich mit dem bärtigen Mann, der dahinter steht. Die Oma ist bereits weitergegangen und betrachtet die Weihnachtskugeln.

Opa winkt Florian zu sich und deutet auf die Figuren.

„Wollen wir wieder ein Tier für unsere Krippe dazu kaufen? Wie wäre es zum Beispiel mit diesem Schäferhund?"

Florian nickt strahlend und beugt sich über die Figuren.

„Nimm mich mit!" Florian hört ein feines Stimmchen. Verwirrt versucht er auszumachen, von wo diese Stimme kommt.

„Hier bin ich!", sagt die Stimme und dann sieht Florian, wer da mit ihm redet. Vorsichtig nimmt er die winzige Gans auf seine Handfläche und betrachtet sie. „Du kannst sprechen?", fragt er ungläubig, beinahe davon überzeugt, dass er träumt. 

„Ja aber nur mit Kindern, die an noch an das Wunder des Weihnachtsfestes glauben. Nimm mich bitte mit, ich möchte zu gerne an der Krippe des kleinen Jesus stehen. Unsereins darf doch sonst nur als Braten am Weihnachtsfest teilnehmen. Bitte!"

„Florian führst du Selbstgespräche?"

Der Junge wird etwas rot und streckt dem Opa die Hand mit der Gans entgegen. „Könnten wir die mitnehmen?"

„Eine Gans? Aber gut, wenn du das möchtest. Warum auch nicht!", sagt Opa und reicht dem Verkäufer einen Geldschein.

Florian steckt die Gans in seine Jackentasche, dort hat sie es schön warm. Zu Hause wird er sie auf sein Nachtschränkchen stellen, bis am Heiligabend die Krippe im Wohnzimmer aufgebaut werden wird. 

Als er am Morgen erwacht fällt sein erster Blick auf die weiße Gans und er überlegt, ob er sich das nur eingebildet hat, dass sie mit ihm gesprochen hat. 

Da plappert die Gans auch schon wieder los.

„Guten Morgen Florian!", sagt sie. Florian reibt sich die Augen.

„Guten Morgen Gans, hast du auch einen Namen?", will er wissen.

„Selbstverständlich habe ich einen Namen. Ich heiße Gisela und bin eine verzauberte Prinzessin!" Gisela kichert. 

Florian will sich ausschütten vor Lachen. 

„Das hättest du wohl gern. Wenn du eine verzauberte Prinzessin wärst, dann müsstet du wenigstens aus Fleisch und Blut sein, du aber bist aus einem Stück Holz geschnitzt."

„Naja aber schön wäre es schon und außerdem warum kann ich dann mit dir reden?"

„Hm, das ist allerdings seltsam?" 

„Natürlich hast du recht, ich bin eine geschnitzte Holzgans, aber bevor ich das wurde, war ich aus Fleisch und Blut, so wie du. Zwar war ich keine Prinzessin, sondern eine ganz normale Gans, aber ich habe einmal das Christkind beschützt. Als sich Diebe in die Kirche gestohlen hatten, die das Christkind aus der Krippe mopsen wollten, bin ich aus dem Korb meiner Besitzerin gesprungen und habe laut geschnattert. Ich kann dir sagen, das war ein Theater!", erzählt Gisela stolz.

„Was hattest du denn in der Kirche zu suchen?", fragt Florian neugierig. 

„Meine Bäuerin hat mich auf den Markt getragen und wollte mich verkaufen, da ist sie an der Kirche vorbeigegangen und wollte schnell ein Gebet sprechen. Dabei hat sie die Diebe gestört und durch mein lautes Geschnatter sind der Pfarrer, der Mesmer und einige Leute von der Straße in die Kirche gekommen und haben die Diebe dingfest gemacht. Einen der Diebe habe ich noch kräftig ins Bein gezwickt."

„Und was geschah dann?"

„Nun war ich plötzlich berühmt. Natürlich konnte ich nun nicht mehr verkauft werden, denn schließlich kann eine Berühmtheit nicht als Gänsebraten enden."

Florian schüttelt den Kopf.

„Aber das erklärt immer noch nicht, warum du nun eine Holzgans bist?"

Gisela lachte, das klang lustig, weil es eine Mischung aus Geschnatter und Gelächter war.

„Stimmt! Dann will ich es dir jetzt erklären, auch wenn ich vermute, dass du nicht glauben wirst, was du jetzt erfährst!"

Florian wehrt ab. Immerhin hat er sich auf ein Gespräch mit einer hölzernen Gans eingelassen, das war schon einigermaßen seltsam. Was sollte da noch Unglaublicheres kommen?

„Erzähle einfach, ich bin gespannt!", bittet er die Gans. 

„Also ich wurde berühmt und viele Menschen kamen auf den Hof meiner Bäuerin nur um mich zu sehen. Leider ...", die Gans wird etwas rot, "stieg mir der ganze Ruhm in den Kopf und ich wurde hochmütig und dachte, ich wäre etwas Besseres. Ich führte mich auf wie eine Königin behandelte die anderen Gänse wie ein gemeines Fußvolk. Sie mussten sogar Spalier stehen wenn ich zum Futtertrog ging, aus dem ich als erste fressen durfte. Ich war wirklich sehr, sehr gemein."

Gisela senkt beschämt den Kopf.

„Dann kamen immer weniger Menschen und bald wollte mich niemand mehr sehen. Eines Tages stand ein hübscher kleiner Junge am Zaun und sah zu mir herüber. Mit hocherhobenem Kopf watschelte ich zu ihm, um mich bewundern zu lassen. Doch er sah mich unendlich traurig an und sagte:

„Gisela ich bin dir sehr dankbar, dass du mich gerettet hast, aber es macht mich traurig, wenn ich sehe wie der Ruhm dich verändert hat. Deshalb muss ich dich bestrafen. Das Leben will ich dir nicht nehmen, aber ich muss dich leider verwandeln."

Ich spürte einen Ruck durch meinen Körper und wurde ganz klein und hölzern. Der Junge bückte sich, hob mich vorsichtig auf, dann waren wir plötzlich auf dem Weihnachtsmarkt und er stellte mich zwischen die anderen geschnitzten Figuren. Der Junge war das Christkind höchstpersönlich und deshalb möchte ich an seiner Krippe stehen, denn es tut mir leid, dass ich so garstig war."

Florian traut seinen Ohren nicht.

„Gisela, du bist unglaublich! Eine Märchenerzählerin bist du. Nie und nimmer ist das wahr, was du mir gerade erzählt hast, aber es war eine bewegende Geschichte.", sagt er.

„Glaub, was du willst - ich schwöre, dass es die Wahrheit ist, so wahr ich Gisela heiße!", sagt die Gans leise und von dem Moment an schweigt sie und sagt nie wieder ein Sterbenswörtchen.



© Regina Meier zu Verl & Lore Platz


Samstag, 2. Dezember 2017

Das alte Märchenbuch




Das alte Märchenbuch

Das kleine Städtchen war zur Ruhe gegangen. Dunkel lag es da und schlummerte. In einem Fenster aber war noch Licht zu sehen. Dort wohnte der alte Berti. Er saß in seinem Plüschsessel und blätterte in einem dicken Märchenbuch. Alt war das Buch schon in seiner Kindheit gewesen. Berti dachte zurück an die Zeit, als er es von seinem Großvater geschenkt bekommen hatte.
Wie schön war es, wenn der Opa daraus vorlas. Sie saßen in der gemütlichen heimeligen Küche und während die Oma Plätzchen backte, las der Opa mit verstellten Stimmen Märchen vor.
Berti schloss die Augen und es war, als hörte er das Knacken der Holzstücke im Ofen, spürte die Wärme und der Duft der Plätzchen umschmeichelte seine Nase.
„Berti, träumst du?" Verwirrt öffnete Berti die Augen. Wer hatte da gesprochen? Er war doch ganz allein in seiner Wohnung. ‚Vielleicht habe ich wirklich geträumt!', dachte Berti und schloss die Augen wieder. Sofort waren sie wieder da, die Gerüche aus der Kindheit. Waren das nicht Zimtsterne, die da einen so köstlichen Duft verströmten? 
Die waren immer besonders gut. Oma hatte nie ihr Rezept verraten. Ach ja die Oma und der Opa, dank ihnen hatte er eine schöne Kindheit, nachdem seine Mutter ihn einfach bei ihren Eltern abgegeben hatte, wie ein Paket. Er hatte sie nie wiedergesehen, aber auch nie vermisst.
„Berti?" wieder hörte er diese Stimme und sah sich suchend um.
„Hier bin ich!", sagte die Stimme leise. Berti setzte seine Brille auf und suchte jeden Winkel des Zimmers ab.
„Wer bist du denn und wo bist du?", fragte er vorsichtig
„Hier bin ich, in deinem Märchenbuch, direkt vor dir!", antwortete die Stimme. 
Berti schaute das Buch auf seinem Schoß an. Das Märchen von Hänsel und Gretel war aufgeschlagen und dann sah Berti es auf dem Bild, das zu jedem Märchen gezeichnet war. Der Hänsel winkte ihm zu. Er saß in seinem Ställchen und seine Augen waren angsterfüllt.
„Hänsel, hast du da eben mit mir gesprochen?" fragte Berti vorsichtig.
„Natürlich und ich bin so froh, dass du mich hören kannst. Ich brauche deine Hilfe. Die böse Hexe hat mich hier gefangen. Sie will mich mästen und dann aufessen. Ich habe große Angst."
Dicke Tränen kullerten aus seinen Augen.
„Nana, nun sei mal nicht so verzagt. Ich kenne deine Geschichte und weiß, dass dir nichts passieren wird. Deine Schwester Gretel ist nämlich ein sehr kluges Mädchen und wird euch retten."
„Bist du sicher?" Noch immer klang Hänsels Stimme sehr verzagt.
„Ganz sicher, mein Opa hat mir die Geschichte so oft vorgelesen, dass ich sie auch heute noch auswendig kann."
„Dann will ich dir glauben."
Beinahe konnte Berti nicht fassen, was da gerade passiert war. Aber er war doch nicht von allen Sinnen verlassen, auch wenn er mittlerweile ein alter Mann war. Sein Enkel würde ihm das nicht abnehmen, wenn er ihm davon erzählen würde. Er würde es ihm auch gar nicht sagen, denn aus dem kleinen Fabian war ja mittlerweile selbst ein Mann geworden. Eigentlich war niemand mehr da, dem er die Märchen vorlesen konnte. Berti wurde immer trauriger.
Um sich abzulenken, blätterte er weiter in dem alten Märchenbuch. 
Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, wenn sein Opa das vorgelesen hatte, war Berti immer traurig gewesen. Zu gerne hätte er dem kleinen Kind geholfen. 
Berti fuhr sich über die Augen. Das Mädchen war erfroren, aber zuvor hatte es seine Großmutter im Himmel gesehen und war glücklich gewesen. Sein Leben hatte noch vor ihm gelegen, er selbst aber war am Ende seines Lebens angekommen und er würde einmal genauso einsam sterben wie das Kind. Ob es ihm vorher noch gelingen würde, wenigstens ein einziges Mal glücklich zu sein? Morgen war Heiligabend und er war allein. Da konnte man ein wenig traurig sein, wenn man sich einsam fühlte. Berti schlug das Märchenbuch zu, erhob sich mühsam und stellte es in das Bücherregal. Jetzt wollte er zu Bett gehen und versuchen zu schlafen. 
Unruhige Träume plagten ihn und als er am Morgen die Augen aufschlug wurde ihm so richtig bewusst, wie einsam er doch war.
Besonders an einem Tag wie Weihnachten wurde ihm das so richtig klar. Was Fabian sein Enkel wohl heute machte, lange hatte er nichts mehr von ihm gehört.
Berti schlurfte in die Küche, stellte den Wasserkessel auf den Ofen, säbelte sich eine Scheibe Brot ab und bestrich sie mit Butter und Marmelade. Der Teekessel pfiff und mit der Tasse in der Hand ließ er sich schwerfällig auf den Küchenstuhl fallen.
Seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit.
„Opa, ich hab dich so lieb. Wenn ich mal groß bin, dann werde ich dich immer noch lieben und ich werde immer für dich da sein!", hatte Fabian mal gesagt und das hatte er sicher auch genauso gemeint. Nun war der Junge längst verheiratet und auch wenn er ihn, den alten Großvater nicht vergessen hatte, so hatte er doch keine Zeit für ihn. Berti verstand das, auch wenn es ihn traurig machte.
Seine Gedanken wurden durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Er nahm ab, hörte, was da am anderen Ende der Leitung gesprochen wurde und seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Opa Berti, sag doch was! Dürfen wir dich morgen holen?" Das war Fabian und im Hintergrund rief seine Frau: „Du musst unbedingt bei uns sein morgen, wir haben eine Überraschung für dich!"
Berti versuchte, etwas zu sagen, aber seine Stimme versagte.
„Gern!", krächzte er. „So gern!"
„Also gut, dann bin ich um zehn Uhr bei dir! Ich freue mich so!", sagte Fabian noch und dann legte er auf. 
Berti liefen die Tränen über das Gesicht. Sein Enkel hatte ihn nicht vergessen und morgen würde er ihn holen. O weh, er hatte ja gar kein Geschenk. 
Oder doch? Klar, er hatte ja das Märchenbuch. Die Zeit war gekommen, es an Fabian weiterzugeben. Berti packte das Buch in einen Bogen Packpapier und in der Schublade fand er noch eine rote Schleife, die er, so gut es eben ging, um das Paket band. Zufrieden mit sich und der Welt setzte er sich in seinen Sessel und freute sich auf den nächsten Tag. 
Viel zu früh war er wach und stand aufgeregt am Fenster, das Päckchen mit dem Märchenbuch an sich gepresst.
Endlich fuhr das Auto in den Hof und Fabian kam herein und nahm ihn in die Arme. 
„Komm Opa, wir machen es uns heute schön gemütlich!", sagte er. Er half Berti die Treppenstufen vor dem Haus hinunter und dann fuhren beide vergnüglich plaudernd zu Fabians Zuhause, wo sie schon erwartet wurden von Christine, Fabians Frau.
Im ganzen Haus roch es verführerisch nach leckeren Sachen. Berti strahlte. Ach, wie schön war es doch, nicht allein zu sein am Weihnachtstag. 
Als alle am Nachmittag beim Tee zusammensaßen und das gemütliche Licht der Weihnachtskerzen genossen, reichte Berti seinem Enkel das verpackte Märchenbuch.
„Das ist für dich!", sagte er und beobachtete gespannt Fabians Miene, als er sein Geschenk auspackte.
Fabian freute sich zwar, gab seinem Großvater das Buch aber sogleich zurück.
„Das geht nicht, Opa, das kann ich nicht annehmen!", sagte er.
„Aber warum denn nicht?", fragte Berti überrascht.
„Du wirst es noch brauchen, denn Christine und ich, wir haben doch eine Überraschung für dich!"
Berti verstand nicht, was da vor sich ging. Christine nahm seine Hände und hielt sie sanft.
„Großvater Berti, wir bekommen ein Kind, dein Urenkelchen und dem musst du doch vorlesen, so wie du Fabian vorgelesen hast!" 
Jetzt verstand Berti, und wie er verstand. Er musste noch bleiben, er wurde noch gebraucht - ach, das war ein so schönes Gefühl, ein schöneres Geschenk hätte man ihm nicht machen können.

© Regina Meier zu Verl & Lore Platz